Hi du!

Oder wie 2 unschuldige Buchstaben ziemlich Staub aufwirbeln

Er muss so um die achtundzwanzig sein. Schlank. Er trägt ein schwarzes Rundhals-Shirt, bodyshape und Slimjeans, wie man wohl jetzt so sagt. Jedenfalls ist es diese Art von Hose, die nun schon seit einiger Zeit auf unseren Straßen auch das Männerbein in seiner vollen Definition ins Rampenlicht rückt. Muss man mögen.

Halloo. Er blickt rasch auf. Sein Hallo klingt lebendig, wie eine kleine Melodie. Einen kurzen Moment noch bitte. Er bemüht sich, eine Notiz höflicherweise schnell abzuschließen, das sehe ich ihm an. Mein Auge streift den glänzenden Kunstharz-Boden. Der Mann trägt Sneakers. Marke Nike, schmutziges Weiß. Ein Plateau-Schuh. Wozu, frage ich mich, so klein ist er doch gar nicht und selbst wenn …
Bitte, was brauchst du? Was kann ich für dich tun?

Mode und Prosecco. Er redet über Tablets, genauer gesagt über Pencils für Tablets, mit denen man auf dieser, für mich genialsten Erfindung nach dem Post-it, handschriftlich werken kann. So einen bräuchte ich, deswegen bin ich da. Es ist mein freier Vormittag. Als ich den Shop betreten habe, war ich froh, die einzige zu sein. Und so stehe ich da, an der weiß lackierten Theke. Ich würde lieber ein Glas Prosecco bestellen und über Mode plaudern, aber das hat er wahrscheinlich nicht und außerdem, was würde er schon über seinen Style sagen … und erst über meinen? … Verzeih mir die Gedankenreise, ich kann wirklich gerade nichts dafür. Durch Corona bin ich anscheinend zum Sozial-Kontakt-Junkie geworden … also natürlich kein Prosecco, nur Fakten und Technik.

Allerdings, während die eine Hälfte (H1) von mir versucht, diszipliniert seinen technischen Ausführungen zu folgen und meine Sprechwerkzeuge sich abmühen, die passenden Fragen frei zu geben, arbeitet H2, also meine andere Hälfte, unglücklicherweise autonom. Leider ist sie nicht beim Thema, ja sie behindert H1 sogar. So sehr, dass es irritiert. Was ist da los? Irgendetwas brodelt da im Untergrund. Woher kommen diese nutzlosen Brösel, die wie beim Semmelessen unentwegt herunterfallen?

Genau diese Krümel liefern den Stoff. Und zwar den für das im Moment Unaussprechliche. Für das fast Peinliche. Es hat eindeutig mit diesem Burschen zu tun. Er hat recht volles Haar. Mitteleuropäischer Typ. Es steht ihm ein wenig zu Berge, locker, sportlich, sehr cool, gefällt mir. Buschige Augenbrauen, schön geschwungen. Auch gehört er zur Gruppe der Bartträger, du weißt schon, welche ich meine, die mit diesen trendigen Vollbärten. Ich hörte, man nennt sie Hipsterbärte. Anti Mainstream eben. Mittlerweile kreuzen sie ja so oft meine Wege, dass ihr Anblick mich nicht mehr sofort an Araber erinnert.

Wozu willst du ihn hauptsächlich verwenden?, will er wissen. Ich antworte prompt. – Für die Arbeit. Er ist ein Profi. Solide Ausbildung. Dem Briefing in Technik und der Vorstellung einiger Varianten für diesen Stift folgt der individualisierte Teil des Verkaufsgesprächs. Der Bursche ist auf Zack! Hat sicher Matura.

Denk-Zeit. Nutzt du den Pencil ausschließlich beruflich? Brauchst du ihn oft?, setzt er nach. Meine innere, tonlose Stimme formuliert zögerlich. Tjaaa, hmm, tuuuue ich das? Meine Ohren gehen irgendwie von selbst zu. Es erinnert leicht an das Untertauchen im warmen Wasser. Für einen ausgedehnten Moment driftet mein Hirn in eine Art Blase. H2 erstürmt die Burg. Übernimmt das Komando. H1 hat Pause. Stille breitet sich aus. Ich beginne mechanisch in meiner Tasche herumzukramen, ich täusche ein Bedürfnis vor, um mir Denk-Zeit zu verschaffen. Entscheidende Fragen drängen sich gewaltsam vor und fordern griffige Antworten. Ich spüre, dass du nun auch knapp dran bist … Ja! Genau.

Es ist das DU. Unverschämt, oder?

Was glaubt dieser Mensch eigentlich? – Soll ich mich vielleicht geschmeichelt fühlen?
Haben wir gemeinsame Freunde? – Wohl kaum.
Ist er ein Kumpel meines Sohnes? – Zu alt.
Ist er ein ehemaliger Schüler? – Geben sich meist zu erkennen.
Sieht er nicht, wie alt ich bin? – Macht eigentlich einen vifen Eindruck.
Schätzt er mich viel jünger ein? – Möglicherweise, aber mehr als um zehn Jahre keinesfalls.
Gefalle ich ihm? – Vorstellbar, aber keine auffälligen Anzeichen wie Anmache oder ähnliches.
Habe ich Signale ausgesendet? – Nein, vom Prosecco weiß er nichts.
Bin ich ihm sympathisch? – Anzunehmen, habe heute gute Vibes.
Findet er ältere Frauen sexy? – Auch das gibt´s.
Bin ich locker und cool? – Eigentlich schon.
Ist er respektlos? – Eher nicht, hat generell gute Umgangsformen.
Bin ich konservativ, wenn ich das unverschämt finde? – Ja, wahrscheinlich. Was will ich bewahren?


Der Mann hat vielleicht keine Wahl. (H2 ist hartnäckig, drängt weiter auf Auflösung)

Ist das „Du“ Teil der Unternehmenskultur? – Keine Ahnung, würde ich nicht empfehlen, mein Chef könnte das noch viel unpassender finden als ich.
War er zuvor bei H&M, Hollister, Mc Donald´s oder Ikea? – Er selbst eher nicht, aber der Trend ist definitiv angekommen. Der Puls der Zeit pocht laut und deutlich. In dieser Branche wohl in etwa so laut wie ein Metallica-Konzert. Das Du ist eine Marketing-Masche und soll freundschaftlich wirken. Sicher steckt noch viel mehr dahinter …


Ein Koffer voller Möglichkeiten. Ich sollte ihn einfach fragen. Seine Antwort wäre spannend, jedoch will ich ihn nicht in Verlegenheit bringen. Die Sache ist es nicht wert, ist ja nur eine Kleinigkeit … Ist es das?
Ich nehme dann den Tablet-Stift in der mittleren Preislage. Beim Verlassen der Verkaufsfläche rufe ich ihm ein freundlich intoniertes Ciao, baba zu. Das klingt recht frisch. Er sagt schlicht Ciao. So, als wären wir uralte Freunde. – Nice! Hätte wohl mein Sohn gesagt. Andere Generation eben. Der junge Mann hat es sicher nicht böse gemeint, Fragen bleiben offen, aber ich habe sie zumindest einmal gestellt. Schauplatzwechsel …

4 Monate zuvor

Griaß eich! – Servus, griaß di! Was wollt´s denn trinken? Zwei große Apfelsaft g´spritzt, bitte und zwa Brettljausn. – Bring i eich glei …
Ja, ja auf der Alm, da gibt´s ka Sünd´, wie schon das Sprichwort sagt, obendrauf andere Regeln … und eine davon ist: Alle sagen Du.

Dort hoch oben hat es mich noch nie gestört und ich tue es ebenfalls. Ich duze andere, ungefragt, ohne Bruderschaft zu trinken, wie es noch bis vor ein/zwei Jahrzehnten üblich war. Warum? Weil es alle tun, es also Usus ist, es zur Alm-Tradition gehört. Außerdem stellt sich da bei mir ein anderes Feeling ein. In dieser Umgebung erscheine ich als die Unternehmungslustige, die fitte Abenteuerliche, die unbeschwert Gesellige. Nach einer unglaublich anstrengenden Sieben-Stunden-Tour auf den Kärntner Mittagskogel denk ich nicht mehr an das städtische, formelle Sie. Ich habe mich völlig verausgabt, habe bei 30 Grad den Gipfel erklommen und bin am Ende überglücklich, vor der Hütte völlig durchgeschwitzt rasten zu können.

Alle sitzen wir dort oben im selben Boot. Wir haben uns der Herausforderung gestellt, den Berggipfel zu erklimmen, genießen die wunderbare Aussicht. Tragen im Grunde dieselbe Uniform, Hightech-Material in jeder erdenklichen Ausführung. Nur in den Farben unterscheiden wir uns. Wir fürchten gemeinschaftlich das böse Unwetter und erquicken uns an denselben Genüssen, die es nur in eingeschränkter Auswahl auf den Menükarten der Almwirte gibt. Aber diese Speisen stehen für uns für das Ursprüngliche, das Selbstgemachte. Wir rücken, wenn nötig, noch enger auf den uralten, knorrigen Holzbänken zusammen und sagen gleich Du. Ich mag das wirklich. Ich fühl mich losgelöst und gleichzeitig eingebunden, eben in diese kleine Welt hier oben, wenn auch nur für einige Stunden. – Ja, ich bin´s!!

Absurd oder? Ja! Ich, dieselbe wie die von der anderen Story, die mit den vielen Fragen! Diesmal ganz ohne Fragen! Kannst du das nachvollziehen? Ich für meinen Teil noch nicht. Vielleicht denken wir in der Stadt einfach zu viel über solche Belanglosigkeiten (?) nach?
Thinking work in progress …

Aber kurz gesagt: Für ein universelles Du im Alltagsleben fehlen die notwendigen Höflichkeitsfloskeln, die unsere Sprache im Gegensatz zur englischen beispielsweise nicht automatisch anbietet. Es gibt sie schon, aber wir haben da wenig bewusst gelebte Tradition. Der knappere, manchmal rohere Umgangston in den sozialen Medien unterstützt diese Tendenz noch, denke ich. Schauplatzwechsel …

2 Jahre zuvor

A coffee please. Beim letzten Südengland-Urlaub, wo es ja bekanntlich ja kein Sie gibt, wollte mein Mann in einem Souvenir und Coffee-Shop einfach Kaffee und Kuchen bestellen. Eine etwas stärkere, junge Frau mit süßlicher Stimme, hohe Lage, gesellte sich an unseren Tisch. Das Gespräch verlief in etwa so: What would you like to have, sir? – A coffee please . Oh lovely! And to eat? – A cheesecake, please. – Oh, lovely, thank you so much! … Als Österreicher erschien uns das extrem übertrieben und wir witzelten im Nachhinein über diesen ein bisschen schrulligen Dialog. Und das ungewohnte Sir! In Wirklichkeit war diese Angestellte schlichtweg sehr zuvorkommend und professionell!
Einiges in der englischen Sprache sei unnötig und oberflächlich, meinen viele. Dem kann ich mittlerweile nur noch bedingt zustimmen. Wenn man dort lebt, weiß man das durchaus zu schätzen. Freunde meinen, dass sie nach Reisen aus englischsprachigen Ländern, an die dortigen Umgangsformen des öfteren wehmütig zurückdenken. Ich habe das ähnlich erlebt. Auch das gesittete und meist gut organisierte Queuing ist cool, da es das Anstellen zu einer emotionslosen, entspannten Sache macht, was man bei uns nicht immer behaupten kann …

Aus den Mündern in unsere Herzen. Gerade bei zufälligen Gesprächen fehlt mir in unseren Breiten hin und wieder wirklich ein freundlicher Grundton. Aber es ist wohl manchmal so, dass sich nicht alle darum bemühen. Der Österreicher grantelt halt auch gerne. Schade, denn ich bin davon überzeugt, dass ein netter Umgangston sehr nützt, um soziale Harmonie herzustellen und positiv durch den Tag zu gehen. Auch der Ton aus den Mündern meiner Mitmenschen macht die Musik in meinem Herzen. Zumindest ist er eine wesentliche Komponente im Mixing der Stimmung.

Das Du verbirgt etwas. Sollten wir also tatsächlich anfangen, auch hierzulande in allen Geschäften, Ämtern, bei Ärzten usw. das Sie zu verbannen, dann wäre es echt ratsam, andere Formen des respektvollen Umgangs miteinander einzuführen. Sich einfach nur zu duzen, bedeutet meiner Ansicht nach momentan noch einen Kulturverlust im Bereich Sprache. Denn im Du verbirgt sich immer eine Geschichte …
Hörst du ein Du, spitzen sich flugs die Ohren. Ah! Die beiden kennen sich … sind wohl Freunde oder gar Brüder, schauen sich so ähnlich. Du heißt für mich primär, dass man sich nah steht, wie es Familie, Freunde oder Bekannte tun. Man mag sich, man kennt sich zumindest gut oder hat schon Zeit miteinander verbracht. Das andere Du entsteht vielleicht über ein gemeinsames Thema. Das kann die Arbeit sein, also ein lockeres Du unter Arbeitskollegen, manchmal auch unter Berufskollegen aus dem ganzen Lande. Ehrlich gesagt empfand ich bei letzteren das Du aber auch schon extrem extrem befremdend …

Kurztrip nach Wien
Ich stand bei einer Fortbildung in der Kaffeepause unverhofft einer Kollegin gegenüber, die offenbar kurz vor der Pensionierung war. Sie wirkte auf mich bei unserem Geplauder sehr zugeknöpft und belehrend, fast schien mir, sie hielte sich für etwas Besseres, jedenfalls fiel mir das Du extrem schwer. Ich zog es zwar durch, aber nur weil ich es weniger schlimm fand, unhöflich oder frech zu wirken, als sie durch das Sie irgendwie zu diskriminieren (könnte sich ja alt vorkommen?!) oder mich gar selbst zu verraten. Wie ich das meine? – Insofern, als dass ich bei dieser Dame nicht den leisesten Funken von Zusammengehörigkeit spürte, noch mir irgendwie vorstellen mochte, dass diese distanzierte, neunmalkluge Frau MEINEN Job ausübt. Bitte um Hilfe!! – Ja, das Über-das-Du-Grübeln ist manchmal steiniger, als das Gespräch an sich.)

Aber zurück zum Einenden: Im Bereich Freizeit kann es eventuell der Tennisverein, die Blasmusik-Kappelle, das Weltweit-Wandern-Team, die Rennrad-Community oder ähnliches sein. Es spannt diesen unsichtbaren, festen Faden zwischen uns. Er verbindet durch das Gemeinsame, das uns trotz unserer Verschiedenheit Vereinende. Ein Hobby, etwas Kreatives, aktiven oder passiven Sport. Ewas, das wir womöglich seit Jahren fanatisch miteinander teilen, worüber wir inbrünstig diskutieren, streiten und jubeln. Oder unter dessen Flagge wir beherzt zusammen segeln …

Mein Fazit. Weder das eine, noch das andere trifft auf Angestellte in Geschäften zu. Dort treffe ich oft sympathische und kompetente Leute, die ich allerdings nicht kenne! Ich empfinde in so einem Fall die Du-Form als unangebracht und außerdem sehr künstlich, so als ob mir jemand mit einer Masche etwas verkaufen will. Jemand eine Nähe vortäuscht, die nicht existiert, die sich während eines durchschnittlichen Verkaufsgesprächs auch nicht entwickelt. Bei mir jedenfalls nicht. Man möge mir das verzeihen ….

Wie siehst du das?
Schreib´ mir hier von deiner Erfahrung!


PS: Ja, du hast recht. Auch ich duze dich und mache das ungeniert von Anfang an. Ja, du hast wieder recht, ich will mich mit dir freundschaftlich verbandeln. Nähe herstellen. Ich plaudere ziemlich offen aus dem Nähkästchen und hab´dir recht viel von mir erzählt. Du kannst mich auch sehr gerne duzen, wenn du mir etwas schreibst. Das wäre für mich total ok und würde mich sogar freuen.
Das ganz normale Vibe


Ausgefuchstes Unterbewusstsein

Oder die Chance, den eigenen Fall zu lösen

Als ich mich kürzlich mit meiner sogenannten Writer Persona, also die virtuelle Ausgabe von mir selbst, zu beschäftigen begann, stellte mir ein cooles Buch zum Thema Online-Texten die Frage, wer ich dort sein möchte und was ich denn von mir preisgeben will. Ok, um das herauszufinden, schlug das Buch einen Selbst-Test vor. In Ordnung. Das war recht leicht abzuwickeln. Bei einem gewissen Punkt allerdings ging es dann aber doch an´ s Eingemachte …

Was ist Ihre größte Schwäche? Auf diese Frage fiel mir sofort eine Eigenschaft an mir ein, die mich seit kurzem regelrecht in den Wahnsinn treibt. Kurzum es ist die Angewohnheit, meine ganz persönlichen Ideen mit Inbrunst hinauszuposaunen, noch bevor sie auch nur annähernd in eine Phase der Umsetzung gekommen sind. Dabei quassle ich mit Freunden, Verwandten und sogar Kollegen über meine Hirngespinste. Kennst du das auch? Auf jeden Fall, typisch ich und äußerst ärgerlich.

Kluge gehen anders vor Sie tüfteln ihre Kleinode zuerst einmal akribisch aus, setzen sie in aller Diskretion, step by step, um und behüten sie in einer intimen Kammer wie einen fragilen Schatz. Stolz und selbstsicher – sie haben ja 1000mal geprüft und korrigiert – servieren sie die fertige, vierstöckige Torte dem Rest der eigenen Welt auf dem silbernen Tablett. Ja, so machen es die Klugen.

Stolzes, dummes Herz Ich allerdings präsentiere ungefragt alles in einer urtümlichen Begeisterung (urdümmlich wäre treffender), währenddessen ich mich auch noch super innovativ und fortschrittlich finde. Freude durchströmt mein stolzes, dummes Herz und es pocht dabei wie eine Base-Drum. Freundliche Wesen freuen sich mit mir und teilen meine Euphorie oder lassen sich von meiner kindlich, naiven Erzählart irgendwie mitreißen. Andere weniger. Wie auch immer, kurze Zeit später sieht es meistens ohnehin nicht mehr so rosig aus … 

Shame on me! Das Ganze kippt emotional. Ich fühle mich doof, unkontrolliert in meinen Impulsen und schlicht lächerlich und aufdringlich mitteilsam. Solche kennst du, oder? So jemand, der dauernd Bestätigung braucht, dauernd hervorstechen muss. Nichts für sich behalten kann. Genau. Shame on me!

Die zweite Gabe. Zum Zweiten gibt es als Beilage dazu den Drang in mir, immer besonders harte Nüsse knacken zu wollen. Leuten meinen Senf hineinzudrücken, bei denen mir ein abfälliges Lächeln und ein, aah, wieder eine neue Karriere, schon im Vorhinein klar ist. Warum trage ich gerade bei denen so dick auf?

Was zum Teufel treibt mich da an? Wieso sind die Zyniker unter den ersten, die von den unausgereiften Plänen erfahren?  Was würdest du sagen? Also, die Hobby-Psychologin in mir vertritt die These, dass dieses Verhalten eine durchaus ausgeklügelte Strategie meines Unterbewusstseins ist. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Wie macht es das? Es versetzt meinen wunderbaren Hirngespinsten den berühmten Tritt in den Hintern und macht den chillenden, freischwebenden Gedanken dermaßen Beine, dass sie sich schon aus purer Angst vor Bloßstellung zu einem Aufsatz formieren und im Ensemble der Worte Habtacht stehen. Eine rasche Klarheit im Kopf und Realisierung gehen einher, und das mild Belächelte wird in eine umwerfend spannende Sache verwandelt.

Alle werden baff sein. Die Tatsache, schon mit einigen großspurig über meine Ideen gesprochen zu haben, macht mir offenbar derart Dampf, dass ich die schwere, ungeölte Maschine mit großem Einsatz in Gang bringe und ein innerlich schon lang ersehntes, tief in mir schlummerndes Vorhaben endlich anpacke. Im Endeffekt, mir selbst einen Riesen-Wunsch erfülle. So nach dem Motto, echt cool, alle werden baff sein …

Mut ist gut. Meine Courage zu Offenheit und Selbstdarstellung (dazu brauche ich sie, denn das ist mir von Natur nicht gegeben), gepaart mit dem Risiko mich lächerlich zu machen, hat meinem inneren Motor den Brennstoff geliefert … ein ausgefuchster Mechanismus!
eine Vibe-Story

PS: Neues auszuprobieren und sich wie so viele andere einmal in die erste Reihe zu stellen und den eigenen Projekten Gewicht zu geben, wertet uns innerlich immens auf. Es nährt unsere innere Stärke und festigt das Gefühl der Identität in einer so unruhigen und bunten Welt.

Auch wenn unser Feingefühl und unsere Bescheidenheit das eigentlich nicht so gern sehen

Möglicherweise hast du Lust mich zu begleiten und bist mit an Bord auf meinen Irrfahrten durch das mentale Labyrinth … Es würde mich sehr freuen.

Würmer ade

Oder wie ein herrenloses Hündchen wieder heim findet

Ja, es gibt sie, diese ewigen Minuten. Manchmal sind es Stunden oder sogar Tage, in denen Du dich einfach nicht wohl fühlst in deiner Haut, ja regelrecht aus dem Gleichgewicht geschleudert wirst. Deine Verbindung mit dem Universum ist gekappt und du fühlst dich wie ein herrenloses Hündchen, das verloren den Heimweg sucht. Und warum? – Weil ES dir eben passiert ist. Deine Gedanken kreisen über deinem Fehltritt, wie Geier über Aas. Sie kreisen und kreisen, bis du wahnsinnig wirst und zur Tat schreitest, um dich selber wieder aus dem Schlamassel zu befreien. Klar, das alles war nie deine Absicht. Jedoch hast du schlicht und ergreifend zu wenig nachgedacht. Du bist einfach zu forsch, zu offen, zu locker, zu bestimmend, … einfach ein bisschen zu viel von Vielem, typisch du eben … Ich, an jenem Tag auf jeden Fall.

Verführerisch wie Haribo. Dieses Ereignis geschah im jungen Sommer, genauer gesagt im Juni, wo uns Mutter Erde verlässlich jedes Jahr etwas Wunderbares kredenzt: Kirschen, so herzig wie Schneewittchens Mund und so verführerisch fruchtig wie Haribo.

Der Baum steht vor meinem Balkon. Ein üppiger Ast will unbedingt zu mir herüber, er wächst über das Geländer, lädt mich ohne Worte zum Naschen ein. Er überredet mich geschickt. Der Baum ist seit fünf Jahren mein Freund. Er steht auf meines Nachbarn Grund, jedoch sein Herz gehört mir. Erwin, sein Besitzer, findet das sicher in Ordnung, so meine Ansicht. Erstens ahnt er nicht, dass mein Freund überhaupt ein Herz hat, zweitens kann er in diesen Höhen eine für Leib und Leben sichere Ernte ohnehin vergessen …

Ran ans Werk. Nun denn, wieder einmal war die Lage so, dass ich meinen Mann bat, mir mit seinen längeren Armen zu Hilfe zu kommen, um die noch weiter weg hängenden Prachtexemplare vom Ast in meine Schüssel zu verfrachten. Ein zweiter Kirschkuchen sollte sich heuer ausgehen, bei dieser Fülle.
Meine Leistung lag schlicht darin, meinen Mann wie einen Juwelendieb zu sichern, indem ich seine Hose rücklings am Bund nach hinten zog, um so das Kräfteverhältnis auszugleichen. Standhaft und kraftvoll hielt ich seinen Gürtel fest und verlagerte mein volles Gewicht rückwärts. Dabei war ich mir meiner verantwortungsvollen Rolle durchwegs bewusst. Auf die Art konnte er sich noch weiter hinauslehnen und kämpfte sich mit den Händen durch das Blätter-Wirrwarr, um schließlich die heißbegehrten Schätzchen zu bergen. Ein Dream-Team eben …

Genial. Mit dieser Taktik waren wir auch einige Zeit lang recht effizient. Gerade jedoch, als er von neuem zugriff, bog Erwin mit seiner dicken Rosi, einer kaffeebraunen, sehr bell-freudigen Terrier-Dame um die Ecke. Zeitgleich sahen wir sie beide kommen.
Ein Blick zueinander.
Kein Problem.
Dachte ich.

Erwin bog um die Ecke. Mir persönlich war es relativ egal, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Mein Nachbar ist gutmütig, einer von den Netten, Hilfsbereiten, ein mittelgroßer Mann, robust untersetzt und von freundlicher Natur. In vielen Hofplaudereien konnte ich sein Uhrwerk durchleuchten, schauen wie er tickt, sein Werte-Schema erahnen und eben Sonstiges so aufschnappen. Noch nie hat er seine Kirschen für sich allein beansprucht. Oder doch? Außerdem durfte ich schon beim Vorbesitzer des Baumes Kirschen essen. Oder doch nicht? (Unausgesprochen eigentlich).

In flagranti. Also noch mal, ich war entspannt, gebannt in unserer fast sportlich riskanten Aktion und erfolgsorientiert. Mein Mann jedoch zog zwar seinen Greifarm nicht sofort zurück, keuchte allerdings, dass es schon reiche und er nun aufhören wolle. Durch das Strecken und Verwringen seines Oberkörpers war er sichtlich geplagt. Der Arme. (Natürlich war er nicht arm, Männer wollen doch eh immer ihre Sportlichkeit unter Beweis stellen.) Der Nachbar würde uns nämlich gerade in flagranti beim Fladern erwischen, meinte er. Das mag er nicht. Und er auch nicht. Ich beschwichtigte ihn und er holte mir noch widerwillig, verlegen und unflätig drei Früchte herunter.

Eine Hand wäscht nicht immer die andere. In der Zwischenzeit war Erwin bei unserem Haus angekommen. Rosi schnupperte noch unruhig an den Grasbüscheln und wir begannen ein Gespräch. Es ging um nichts Persönliches. Ärger mit einem neuen, umtriebigen Nachbarn, der schon polizeibekannt war und kurz vor der Verhaftung stand. Eigentlich war ich da recht engagiert gewesen und dachte Erwin würde das positiv erwähnen, mich loben oder so was Ähnliches. Immerhin hatte ich für uns und die Nachbarn Unannehmlichkeiten auf mich genommen und musste einige Telefonate im Sinne der Gemeinschaft führen. Aber da kam nichts dergleichen.

Wortkarg und miesmuffelig. Stattdessen schleppte er eine bedrückende Stimmung an, die wie herbstliche Nebelschwaden auf unseren Balkon hochstieg. So hatte ich ihn noch nie zuvor wahrgenommen.
Da passierte es, ich sagte, die Kirschen seien heuer besonders zahlreich und gut und wir hätten schon EINEN Kirschkuchen gebacken und pflückten gerade für den zweiten. Ich wollte wohl die Atmosphäre auflockern. Toll gemacht. Seine Antwort verschwamm irgendwann in meiner Erinnerung, denn es war sein Gesicht, dass mir in den darauffolgenden Stunden Trübsal und Missmut bereitete. Es schien mir plötzlich extrem vom Alter gezeichnet und sein Blick traf mich böse. Er gutierte unsere Aktion keinesfalls, es waren SEINE Kirschen. Es war derselbe bedrohliche Blick wie einst von Bilbo Beutlin in der Verfilmung von Herr der Ringe, als Bilbo den Ring der Macht Frodo nicht mehr zurückgeben wollte.

Nun war alles klar für mich. Ich ging verbittert hinein. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Er wird wohl nicht sauer sein, dass wir von zwei Ästen Kirschen pflücken, die sonst sowieso keiner isst, da unmöglich zu ernten. Das glaube ich einfach nicht. Unfassbar, dass ich mich regelmäßig ans Telefon hänge, um der Nachbarschaft einen Dienst zu erweisen und dann mit Geiz dieser Art konfrontiert werde? Ich dachte echt, er wäre ein Sympathischer. Also doch ein kleinlicher, geiziger Spießbürger, schade. Ich bin enttäuscht, echt, und wütend, richtig wütend. Meine Lust auf Kirschkuchen schwindet. Ab mit den Dingern ins Plastiksackerl und dann in den Kühlschrank. Ich will sie nicht mehr sehen:

Es wurmt. Mein Mann folgt. Er bestätigt mir immerhin eine kleine Verstimmung beim Nachbarn. Es wurmt gleich doppelt. Einmal im Sackerl, wo diese ekeligen Dinger, von der Kälte getrieben aus den Früchten herausdrängen und einen grausigen Anblick bieten und einmal in mir drin. Ich denke nach. Aus rot wird violett, dann blau. Wie Gewitterwolken, aus weiter Ferne manchmal verdammt schnell näher kommen, so schieben auch sie, diese neuen Emotionen, bedrohlich schnell nach. Zweifel, sie kommen auf leisen Sohlen daher, sie rauben mir die Ruhe. Ich möchte sie beiseite schieben. Mich anderem widmen. Es ist so unwichtig, hat so wenig Relevanz und doch gibt es da diesen tobenden Konflikt in meinem Kopf. Was tun?

Würmer ade. Nach einer Stunde reicht es, ich stürme zum Kühlschrank und schnappe das Sackerl, trage es hinunter und hänge es auf Erwins Gartentür. Mit einem Post-it versehen, wartet es nun darauf gefunden zu werden. Eine Nachricht soll noch Klarheit schaffen. Wenn es Geiz war, will ich es wissen. Ich bitte auf dem Zettel um Entschuldigung, die Kirschen gestohlen zu haben. Eine dreiste Methode, der Wahrheit näher zu kommen, da ich selbst noch unsicher bin, ob es mir überhaupt leid tun muss. Aber immerhin war es so. Vielleicht hatte er Recht, man nimmt nicht einfach des Nachbarn Kirschen vom Baum, auch wenn sie einem vor der Nase baumeln. Was bilde ich mir eigentlich ein? Stehe ich über dem Gesetz? Bin ich unhöflich, nicht einmal zu fragen? Ich hasse Unhöflichkeit. War es unrecht?

Nach diesem Aktionismus fühle ich mich besser. Vielleicht weil ich das Diebesgut (?) zurückgegeben habe. Womöglich weil ich in Kürze eine Reaktion erwarte, die Klarheit schafft. Es krummelt ein wenig in der Magengrube. Wird unsere Nachbarschaft einen Schaden davontragen. Wird es nie wieder ein fröhliches Hallo Nachbarin geben.

Zwei Stunden später läutet es an der Tür. Erwin. Er fragt, was das solle, ob ich denn verrückt sei. Er wirkt nett und etwas müde. Er wüsste ja kaum, wohin mit den vielen Kirschen. Ich meine, er hätte bekümmert ausgesehen. Er sagt ja, hätte aber nichts mit uns zu tun. Ich bin erleichtert und bedanke mich.

Tage später erfahre ich von ihm, dass er wenige Wochen davor die Eltern verloren hatte. Ich schäme mich für meine negativen Gedanken.

Bin nun ich die Spießbürgerin?

Der Masterplan

Oder muss man immer so erwachsen sein?

Endlich Mitte vierzig (vorbei). Noch immer stolpere ich hin und wieder über diese Binsen-Weisheiten über das Glücklich sein, die ich früher als recht hohl empfunden habe. Wie zum Beispiel Glück ist die Summe aller glücklichen Momente. Doch gerade dieser, auf den ersten Blick clichèehafte Satz, hat sich in mein Hirn eingebrannt. So, als wäre ich ein Alien in einem Science-Fiction-Film und man hätte mir ein Implantat eingesetzt, um die menschliche Sprache zu verstehen. Klar, die kenne ich schon. Allerdings, der Gedanke des Glück-Sammelns oder Aufsummierens irgendwelcher Momente war mir nicht so vertraut … Wie es eventuell doch funktionieren könnte, erleuchtete mich, als ich folgende Episode erlebte:
Kürzlich gegen neun kam mein Mann nach drei Tagen berufsbedingter Absenz nach Hause …

Sein verdatteter Blick war legendär. Ich kauerte gerade bei einem Film genüsslich auf der Couch, als ich ihn die Holz-Stiege herauf stapfen hörte. Irgendwie drängte es mich innerlich, diesem Augenblick einen speziellen Kick zu geben. Nur wie? Das war rasch klar. Urplötzlich schoss mir eine riesige, kindliche Lust ein, mit ihm Schabernack zu treiben … Mir blieben noch genau 6 fette Sekunden um diesen Masterplan zu realisieren. Flink sprang ich auf, und schlüpfte, lautlos wie eine Meisterdiebin hinter den bodenlangen, nächtens undurchsichtigen, braunen Leinen-Vorhang. Ich verharrte dort wie versteinert. Er kam ums Eck, sein verdatteter Blick auf die leere Couch war legendär. Just, nach dieser Zehntelsekunde seiner Verwirrung, schritt ich mit dem Vorhang über mir, als Geist hervor und johlte kraftvoll ein inszeniert gruseliges huuh.

So sein können, wie man als Kind war. In diesem ungewöhnlichen Momentum nahm sein argloses, freundliches Gesicht bisher unbekannt komische Züge an, die mir unendlich Spaß bereiteten und ich verfiel in ein kindisches, ursprüngliches, ja wahrhaftes Gelächter. Das hättest du sehen sollen! Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich wieder den ach so erstrebenswerten Normalzustand erreichte. Gott sei Dank funktionierte auch an jenem Abend der ausgeprägte Sinn für Humor meines Mannes verlässlich im Vollmodus. Wir genossen die besondere Stimmung gemeinsam und gönnten uns im Anschluss schmunzelnd ein Glaserl Wein. Im Nachhinein betrachtet empfand ich meine Aktion irgendwie cool und ein bisschen verrückt, ich war, banal gesagt, einfach glücklich danach.

Lebendig und vif. Mir saß der Schalk im Nacken, ich war aufgekratzt, ein Mädel zum Pferdestehlen, wie früher als Kind, in den 1970ern, als solche Dinge normal waren und wir mit dieser Art Glück absolut zufrieden abends in unsere Betten fielen. Aber, meine Aktion war natürlich auch grenzwertig, wie man so sagt … Mann hätte sich ja so erschrecken können, dass das Herz aussetzt. Diese Formel kam zumindest immer aus Omas Munde, wenn ich derlei Unfug bei ihr ausprobierte …

OK, du hast recht. Dieser Joke ging auf Kosten eines anderen. Gut, ich geb´s zu. Aber diese Story swingt heute noch in meinen Gliedern und ich musste sie dir einfach erzählen. Vielleicht war sie auch ein schlechtes Beispiel. Aber es geht mir nicht darum, eine heilige Sameriterin zu sein oder mich selbst in Güte aufzulösen, sondern wann immer möglich, den persönlichen Momenten das Beste abzuringen. Außerdem ist es für die anderen meist kein Nachteil, denn wir sind keine Unmenschen und wissen: Geteiltes Glück verdoppelt sich!

Schmiede Masterpläne! Schnappe dir ein Fotoalbum mit lustigen Bildern aus euren Kinderjahren, leg´ eine Platte auf mit Hadern aus der Jugendzeit, ruf´ einen ehemaligen, witzigen Schulfreund an und haut gemeinsam ein paar alte Geschichten raus! Schließ´ die Augen, tauch´ ab und reis´ in Gedanken zurück ins Jahr 19 …. (oder auch 20 …) Danach schwing dich hoch, mit einem dezent frechen Schmunzeln auf den Lippen …