Oder wie 2 unschuldige Buchstaben ziemlich Staub aufwirbeln
Er muss so um die achtundzwanzig sein. Schlank. Er trägt ein schwarzes Rundhals-Shirt, bodyshape und Slimjeans, wie man wohl jetzt so sagt. Jedenfalls ist es diese Art von Hose, die nun schon seit einiger Zeit auf unseren Straßen auch das Männerbein in seiner vollen Definition ins Rampenlicht rückt. Muss man mögen.
Halloo. Er blickt rasch auf. Sein Hallo klingt lebendig, wie eine kleine Melodie. Einen kurzen Moment noch bitte. Er bemüht sich, eine Notiz höflicherweise schnell abzuschließen, das sehe ich ihm an. Mein Auge streift den glänzenden Kunstharz-Boden. Der Mann trägt Sneakers. Marke Nike, schmutziges Weiß. Ein Plateau-Schuh. Wozu, frage ich mich, so klein ist er doch gar nicht und selbst wenn …
Bitte, was brauchst du? Was kann ich für dich tun?
Mode und Prosecco. Er redet über Tablets, genauer gesagt über Pencils für Tablets, mit denen man auf dieser, für mich genialsten Erfindung nach dem Post-it, handschriftlich werken kann. So einen bräuchte ich, deswegen bin ich da. Es ist mein freier Vormittag. Als ich den Shop betreten habe, war ich froh, die einzige zu sein. Und so stehe ich da, an der weiß lackierten Theke. Ich würde lieber ein Glas Prosecco bestellen und über Mode plaudern, aber das hat er wahrscheinlich nicht und außerdem, was würde er schon über seinen Style sagen … und erst über meinen? … Verzeih mir die Gedankenreise, ich kann wirklich gerade nichts dafür. Durch Corona bin ich anscheinend zum Sozial-Kontakt-Junkie geworden … also natürlich kein Prosecco, nur Fakten und Technik.
Allerdings, während die eine Hälfte (H1) von mir versucht, diszipliniert seinen technischen Ausführungen zu folgen und meine Sprechwerkzeuge sich abmühen, die passenden Fragen frei zu geben, arbeitet H2, also meine andere Hälfte, unglücklicherweise autonom. Leider ist sie nicht beim Thema, ja sie behindert H1 sogar. So sehr, dass es irritiert. Was ist da los? Irgendetwas brodelt da im Untergrund. Woher kommen diese nutzlosen Brösel, die wie beim Semmelessen unentwegt herunterfallen?
Genau diese Krümel liefern den Stoff. Und zwar den für das im Moment Unaussprechliche. Für das fast Peinliche. Es hat eindeutig mit diesem Burschen zu tun. Er hat recht volles Haar. Mitteleuropäischer Typ. Es steht ihm ein wenig zu Berge, locker, sportlich, sehr cool, gefällt mir. Buschige Augenbrauen, schön geschwungen. Auch gehört er zur Gruppe der Bartträger, du weißt schon, welche ich meine, die mit diesen trendigen Vollbärten. Ich hörte, man nennt sie Hipsterbärte. Anti Mainstream eben. Mittlerweile kreuzen sie ja so oft meine Wege, dass ihr Anblick mich nicht mehr sofort an Araber erinnert.
Wozu willst du ihn hauptsächlich verwenden?, will er wissen. Ich antworte prompt. – Für die Arbeit. Er ist ein Profi. Solide Ausbildung. Dem Briefing in Technik und der Vorstellung einiger Varianten für diesen Stift folgt der individualisierte Teil des Verkaufsgesprächs. Der Bursche ist auf Zack! Hat sicher Matura.
Denk-Zeit. Nutzt du den Pencil ausschließlich beruflich? Brauchst du ihn oft?, setzt er nach. Meine innere, tonlose Stimme formuliert zögerlich. Tjaaa, hmm, tuuuue ich das? Meine Ohren gehen irgendwie von selbst zu. Es erinnert leicht an das Untertauchen im warmen Wasser. Für einen ausgedehnten Moment driftet mein Hirn in eine Art Blase. H2 erstürmt die Burg. Übernimmt das Komando. H1 hat Pause. Stille breitet sich aus. Ich beginne mechanisch in meiner Tasche herumzukramen, ich täusche ein Bedürfnis vor, um mir Denk-Zeit zu verschaffen. Entscheidende Fragen drängen sich gewaltsam vor und fordern griffige Antworten. Ich spüre, dass du nun auch knapp dran bist … Ja! Genau.
Es ist das DU. Unverschämt, oder?
Was glaubt dieser Mensch eigentlich? – Soll ich mich vielleicht geschmeichelt fühlen?
Haben wir gemeinsame Freunde? – Wohl kaum.
Ist er ein Kumpel meines Sohnes? – Zu alt.
Ist er ein ehemaliger Schüler? – Geben sich meist zu erkennen.
Sieht er nicht, wie alt ich bin? – Macht eigentlich einen vifen Eindruck.
Schätzt er mich viel jünger ein? – Möglicherweise, aber mehr als um zehn Jahre keinesfalls.
Gefalle ich ihm? – Vorstellbar, aber keine auffälligen Anzeichen wie Anmache oder ähnliches.
Habe ich Signale ausgesendet? – Nein, vom Prosecco weiß er nichts.
Bin ich ihm sympathisch? – Anzunehmen, habe heute gute Vibes.
Findet er ältere Frauen sexy? – Auch das gibt´s.
Bin ich locker und cool? – Eigentlich schon.
Ist er respektlos? – Eher nicht, hat generell gute Umgangsformen.
Bin ich konservativ, wenn ich das unverschämt finde? – Ja, wahrscheinlich. Was will ich bewahren?
Der Mann hat vielleicht keine Wahl. (H2 ist hartnäckig, drängt weiter auf Auflösung)
Ist das „Du“ Teil der Unternehmenskultur? – Keine Ahnung, würde ich nicht empfehlen, mein Chef könnte das noch viel unpassender finden als ich.
War er zuvor bei H&M, Hollister, Mc Donald´s oder Ikea? – Er selbst eher nicht, aber der Trend ist definitiv angekommen. Der Puls der Zeit pocht laut und deutlich. In dieser Branche wohl in etwa so laut wie ein Metallica-Konzert. Das Du ist eine Marketing-Masche und soll freundschaftlich wirken. Sicher steckt noch viel mehr dahinter …
Ein Koffer voller Möglichkeiten. Ich sollte ihn einfach fragen. Seine Antwort wäre spannend, jedoch will ich ihn nicht in Verlegenheit bringen. Die Sache ist es nicht wert, ist ja nur eine Kleinigkeit … Ist es das?
Ich nehme dann den Tablet-Stift in der mittleren Preislage. Beim Verlassen der Verkaufsfläche rufe ich ihm ein freundlich intoniertes Ciao, baba zu. Das klingt recht frisch. Er sagt schlicht Ciao. So, als wären wir uralte Freunde. – Nice! Hätte wohl mein Sohn gesagt. Andere Generation eben. Der junge Mann hat es sicher nicht böse gemeint, Fragen bleiben offen, aber ich habe sie zumindest einmal gestellt. Schauplatzwechsel …
4 Monate zuvor
Griaß eich! – Servus, griaß di! Was wollt´s denn trinken? Zwei große Apfelsaft g´spritzt, bitte und zwa Brettljausn. – Bring i eich glei …
Ja, ja auf der Alm, da gibt´s ka Sünd´, wie schon das Sprichwort sagt, obendrauf andere Regeln … und eine davon ist: Alle sagen Du.
Dort hoch oben hat es mich noch nie gestört und ich tue es ebenfalls. Ich duze andere, ungefragt, ohne Bruderschaft zu trinken, wie es noch bis vor ein/zwei Jahrzehnten üblich war. Warum? Weil es alle tun, es also Usus ist, es zur Alm-Tradition gehört. Außerdem stellt sich da bei mir ein anderes Feeling ein. In dieser Umgebung erscheine ich als die Unternehmungslustige, die fitte Abenteuerliche, die unbeschwert Gesellige. Nach einer unglaublich anstrengenden Sieben-Stunden-Tour auf den Kärntner Mittagskogel denk ich nicht mehr an das städtische, formelle Sie. Ich habe mich völlig verausgabt, habe bei 30 Grad den Gipfel erklommen und bin am Ende überglücklich, vor der Hütte völlig durchgeschwitzt rasten zu können.
Alle sitzen wir dort oben im selben Boot. Wir haben uns der Herausforderung gestellt, den Berggipfel zu erklimmen, genießen die wunderbare Aussicht. Tragen im Grunde dieselbe Uniform, Hightech-Material in jeder erdenklichen Ausführung. Nur in den Farben unterscheiden wir uns. Wir fürchten gemeinschaftlich das böse Unwetter und erquicken uns an denselben Genüssen, die es nur in eingeschränkter Auswahl auf den Menükarten der Almwirte gibt. Aber diese Speisen stehen für uns für das Ursprüngliche, das Selbstgemachte. Wir rücken, wenn nötig, noch enger auf den uralten, knorrigen Holzbänken zusammen und sagen gleich Du. Ich mag das wirklich. Ich fühl mich losgelöst und gleichzeitig eingebunden, eben in diese kleine Welt hier oben, wenn auch nur für einige Stunden. – Ja, ich bin´s!!
Absurd oder? Ja! Ich, dieselbe wie die von der anderen Story, die mit den vielen Fragen! Diesmal ganz ohne Fragen! Kannst du das nachvollziehen? Ich für meinen Teil noch nicht. Vielleicht denken wir in der Stadt einfach zu viel über solche Belanglosigkeiten (?) nach?
Thinking work in progress …
Aber kurz gesagt: Für ein universelles Du im Alltagsleben fehlen die notwendigen Höflichkeitsfloskeln, die unsere Sprache im Gegensatz zur englischen beispielsweise nicht automatisch anbietet. Es gibt sie schon, aber wir haben da wenig bewusst gelebte Tradition. Der knappere, manchmal rohere Umgangston in den sozialen Medien unterstützt diese Tendenz noch, denke ich. Schauplatzwechsel …
2 Jahre zuvor
A coffee please. Beim letzten Südengland-Urlaub, wo es ja bekanntlich ja kein Sie gibt, wollte mein Mann in einem Souvenir und Coffee-Shop einfach Kaffee und Kuchen bestellen. Eine etwas stärkere, junge Frau mit süßlicher Stimme, hohe Lage, gesellte sich an unseren Tisch. Das Gespräch verlief in etwa so: What would you like to have, sir? – A coffee please . Oh lovely! And to eat? – A cheesecake, please. – Oh, lovely, thank you so much! … Als Österreicher erschien uns das extrem übertrieben und wir witzelten im Nachhinein über diesen ein bisschen schrulligen Dialog. Und das ungewohnte Sir! In Wirklichkeit war diese Angestellte schlichtweg sehr zuvorkommend und professionell!
Einiges in der englischen Sprache sei unnötig und oberflächlich, meinen viele. Dem kann ich mittlerweile nur noch bedingt zustimmen. Wenn man dort lebt, weiß man das durchaus zu schätzen. Freunde meinen, dass sie nach Reisen aus englischsprachigen Ländern, an die dortigen Umgangsformen des öfteren wehmütig zurückdenken. Ich habe das ähnlich erlebt. Auch das gesittete und meist gut organisierte Queuing ist cool, da es das Anstellen zu einer emotionslosen, entspannten Sache macht, was man bei uns nicht immer behaupten kann …
Aus den Mündern in unsere Herzen. Gerade bei zufälligen Gesprächen fehlt mir in unseren Breiten hin und wieder wirklich ein freundlicher Grundton. Aber es ist wohl manchmal so, dass sich nicht alle darum bemühen. Der Österreicher grantelt halt auch gerne. Schade, denn ich bin davon überzeugt, dass ein netter Umgangston sehr nützt, um soziale Harmonie herzustellen und positiv durch den Tag zu gehen. Auch der Ton aus den Mündern meiner Mitmenschen macht die Musik in meinem Herzen. Zumindest ist er eine wesentliche Komponente im Mixing der Stimmung.
Das Du verbirgt etwas. Sollten wir also tatsächlich anfangen, auch hierzulande in allen Geschäften, Ämtern, bei Ärzten usw. das Sie zu verbannen, dann wäre es echt ratsam, andere Formen des respektvollen Umgangs miteinander einzuführen. Sich einfach nur zu duzen, bedeutet meiner Ansicht nach momentan noch einen Kulturverlust im Bereich Sprache. Denn im Du verbirgt sich immer eine Geschichte …
Hörst du ein Du, spitzen sich flugs die Ohren. Ah! Die beiden kennen sich … sind wohl Freunde oder gar Brüder, schauen sich so ähnlich. Du heißt für mich primär, dass man sich nah steht, wie es Familie, Freunde oder Bekannte tun. Man mag sich, man kennt sich zumindest gut oder hat schon Zeit miteinander verbracht. Das andere Du entsteht vielleicht über ein gemeinsames Thema. Das kann die Arbeit sein, also ein lockeres Du unter Arbeitskollegen, manchmal auch unter Berufskollegen aus dem ganzen Lande. Ehrlich gesagt empfand ich bei letzteren das Du aber auch schon extrem extrem befremdend …
Kurztrip nach Wien
Ich stand bei einer Fortbildung in der Kaffeepause unverhofft einer Kollegin gegenüber, die offenbar kurz vor der Pensionierung war. Sie wirkte auf mich bei unserem Geplauder sehr zugeknöpft und belehrend, fast schien mir, sie hielte sich für etwas Besseres, jedenfalls fiel mir das Du extrem schwer. Ich zog es zwar durch, aber nur weil ich es weniger schlimm fand, unhöflich oder frech zu wirken, als sie durch das Sie irgendwie zu diskriminieren (könnte sich ja alt vorkommen?!) oder mich gar selbst zu verraten. Wie ich das meine? – Insofern, als dass ich bei dieser Dame nicht den leisesten Funken von Zusammengehörigkeit spürte, noch mir irgendwie vorstellen mochte, dass diese distanzierte, neunmalkluge Frau MEINEN Job ausübt. Bitte um Hilfe!! – Ja, das Über-das-Du-Grübeln ist manchmal steiniger, als das Gespräch an sich.)
Aber zurück zum Einenden: Im Bereich Freizeit kann es eventuell der Tennisverein, die Blasmusik-Kappelle, das Weltweit-Wandern-Team, die Rennrad-Community oder ähnliches sein. Es spannt diesen unsichtbaren, festen Faden zwischen uns. Er verbindet durch das Gemeinsame, das uns trotz unserer Verschiedenheit Vereinende. Ein Hobby, etwas Kreatives, aktiven oder passiven Sport. Ewas, das wir womöglich seit Jahren fanatisch miteinander teilen, worüber wir inbrünstig diskutieren, streiten und jubeln. Oder unter dessen Flagge wir beherzt zusammen segeln …
Mein Fazit. Weder das eine, noch das andere trifft auf Angestellte in Geschäften zu. Dort treffe ich oft sympathische und kompetente Leute, die ich allerdings nicht kenne! Ich empfinde in so einem Fall die Du-Form als unangebracht und außerdem sehr künstlich, so als ob mir jemand mit einer Masche etwas verkaufen will. Jemand eine Nähe vortäuscht, die nicht existiert, die sich während eines durchschnittlichen Verkaufsgesprächs auch nicht entwickelt. Bei mir jedenfalls nicht. Man möge mir das verzeihen ….
Wie siehst du das?
Schreib´ mir hier von deiner Erfahrung!
PS: Ja, du hast recht. Auch ich duze dich und mache das ungeniert von Anfang an. Ja, du hast wieder recht, ich will mich mit dir freundschaftlich verbandeln. Nähe herstellen. Ich plaudere ziemlich offen aus dem Nähkästchen und hab´dir recht viel von mir erzählt. Du kannst mich auch sehr gerne duzen, wenn du mir etwas schreibst. Das wäre für mich total ok und würde mich sogar freuen.
Das ganz normale Vibe