Oder wie ein herrenloses Hündchen wieder heim findet
Ja, es gibt sie, diese ewigen Minuten. Manchmal sind es Stunden oder sogar Tage, in denen Du dich einfach nicht wohl fühlst in deiner Haut, ja regelrecht aus dem Gleichgewicht geschleudert wirst. Deine Verbindung mit dem Universum ist gekappt und du fühlst dich wie ein herrenloses Hündchen, das verloren den Heimweg sucht. Und warum? – Weil ES dir eben passiert ist. Deine Gedanken kreisen über deinem Fehltritt, wie Geier über Aas. Sie kreisen und kreisen, bis du wahnsinnig wirst und zur Tat schreitest, um dich selber wieder aus dem Schlamassel zu befreien. Klar, das alles war nie deine Absicht. Jedoch hast du schlicht und ergreifend zu wenig nachgedacht. Du bist einfach zu forsch, zu offen, zu locker, zu bestimmend, … einfach ein bisschen zu viel von Vielem, typisch du eben … Ich, an jenem Tag auf jeden Fall.
Verführerisch wie Haribo. Dieses Ereignis geschah im jungen Sommer, genauer gesagt im Juni, wo uns Mutter Erde verlässlich jedes Jahr etwas Wunderbares kredenzt: Kirschen, so herzig wie Schneewittchens Mund und so verführerisch fruchtig wie Haribo.
Der Baum steht vor meinem Balkon. Ein üppiger Ast will unbedingt zu mir herüber, er wächst über das Geländer, lädt mich ohne Worte zum Naschen ein. Er überredet mich geschickt. Der Baum ist seit fünf Jahren mein Freund. Er steht auf meines Nachbarn Grund, jedoch sein Herz gehört mir. Erwin, sein Besitzer, findet das sicher in Ordnung, so meine Ansicht. Erstens ahnt er nicht, dass mein Freund überhaupt ein Herz hat, zweitens kann er in diesen Höhen eine für Leib und Leben sichere Ernte ohnehin vergessen …
Ran ans Werk. Nun denn, wieder einmal war die Lage so, dass ich meinen Mann bat, mir mit seinen längeren Armen zu Hilfe zu kommen, um die noch weiter weg hängenden Prachtexemplare vom Ast in meine Schüssel zu verfrachten. Ein zweiter Kirschkuchen sollte sich heuer ausgehen, bei dieser Fülle.
Meine Leistung lag schlicht darin, meinen Mann wie einen Juwelendieb zu sichern, indem ich seine Hose rücklings am Bund nach hinten zog, um so das Kräfteverhältnis auszugleichen. Standhaft und kraftvoll hielt ich seinen Gürtel fest und verlagerte mein volles Gewicht rückwärts. Dabei war ich mir meiner verantwortungsvollen Rolle durchwegs bewusst. Auf die Art konnte er sich noch weiter hinauslehnen und kämpfte sich mit den Händen durch das Blätter-Wirrwarr, um schließlich die heißbegehrten Schätzchen zu bergen. Ein Dream-Team eben …
Genial. Mit dieser Taktik waren wir auch einige Zeit lang recht effizient. Gerade jedoch, als er von neuem zugriff, bog Erwin mit seiner dicken Rosi, einer kaffeebraunen, sehr bell-freudigen Terrier-Dame um die Ecke. Zeitgleich sahen wir sie beide kommen.
Ein Blick zueinander.
Kein Problem.
Dachte ich.
Erwin bog um die Ecke. Mir persönlich war es relativ egal, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Mein Nachbar ist gutmütig, einer von den Netten, Hilfsbereiten, ein mittelgroßer Mann, robust untersetzt und von freundlicher Natur. In vielen Hofplaudereien konnte ich sein Uhrwerk durchleuchten, schauen wie er tickt, sein Werte-Schema erahnen und eben Sonstiges so aufschnappen. Noch nie hat er seine Kirschen für sich allein beansprucht. Oder doch? Außerdem durfte ich schon beim Vorbesitzer des Baumes Kirschen essen. Oder doch nicht? (Unausgesprochen eigentlich).
In flagranti. Also noch mal, ich war entspannt, gebannt in unserer fast sportlich riskanten Aktion und erfolgsorientiert. Mein Mann jedoch zog zwar seinen Greifarm nicht sofort zurück, keuchte allerdings, dass es schon reiche und er nun aufhören wolle. Durch das Strecken und Verwringen seines Oberkörpers war er sichtlich geplagt. Der Arme. (Natürlich war er nicht arm, Männer wollen doch eh immer ihre Sportlichkeit unter Beweis stellen.) Der Nachbar würde uns nämlich gerade in flagranti beim Fladern erwischen, meinte er. Das mag er nicht. Und er auch nicht. Ich beschwichtigte ihn und er holte mir noch widerwillig, verlegen und unflätig drei Früchte herunter.
Eine Hand wäscht nicht immer die andere. In der Zwischenzeit war Erwin bei unserem Haus angekommen. Rosi schnupperte noch unruhig an den Grasbüscheln und wir begannen ein Gespräch. Es ging um nichts Persönliches. Ärger mit einem neuen, umtriebigen Nachbarn, der schon polizeibekannt war und kurz vor der Verhaftung stand. Eigentlich war ich da recht engagiert gewesen und dachte Erwin würde das positiv erwähnen, mich loben oder so was Ähnliches. Immerhin hatte ich für uns und die Nachbarn Unannehmlichkeiten auf mich genommen und musste einige Telefonate im Sinne der Gemeinschaft führen. Aber da kam nichts dergleichen.
Wortkarg und miesmuffelig. Stattdessen schleppte er eine bedrückende Stimmung an, die wie herbstliche Nebelschwaden auf unseren Balkon hochstieg. So hatte ich ihn noch nie zuvor wahrgenommen.
Da passierte es, ich sagte, die Kirschen seien heuer besonders zahlreich und gut und wir hätten schon EINEN Kirschkuchen gebacken und pflückten gerade für den zweiten. Ich wollte wohl die Atmosphäre auflockern. Toll gemacht. Seine Antwort verschwamm irgendwann in meiner Erinnerung, denn es war sein Gesicht, dass mir in den darauffolgenden Stunden Trübsal und Missmut bereitete. Es schien mir plötzlich extrem vom Alter gezeichnet und sein Blick traf mich böse. Er gutierte unsere Aktion keinesfalls, es waren SEINE Kirschen. Es war derselbe bedrohliche Blick wie einst von Bilbo Beutlin in der Verfilmung von Herr der Ringe, als Bilbo den Ring der Macht Frodo nicht mehr zurückgeben wollte.
Nun war alles klar für mich. Ich ging verbittert hinein. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Er wird wohl nicht sauer sein, dass wir von zwei Ästen Kirschen pflücken, die sonst sowieso keiner isst, da unmöglich zu ernten. Das glaube ich einfach nicht. Unfassbar, dass ich mich regelmäßig ans Telefon hänge, um der Nachbarschaft einen Dienst zu erweisen und dann mit Geiz dieser Art konfrontiert werde? Ich dachte echt, er wäre ein Sympathischer. Also doch ein kleinlicher, geiziger Spießbürger, schade. Ich bin enttäuscht, echt, und wütend, richtig wütend. Meine Lust auf Kirschkuchen schwindet. Ab mit den Dingern ins Plastiksackerl und dann in den Kühlschrank. Ich will sie nicht mehr sehen:
Es wurmt. Mein Mann folgt. Er bestätigt mir immerhin eine kleine Verstimmung beim Nachbarn. Es wurmt gleich doppelt. Einmal im Sackerl, wo diese ekeligen Dinger, von der Kälte getrieben aus den Früchten herausdrängen und einen grausigen Anblick bieten und einmal in mir drin. Ich denke nach. Aus rot wird violett, dann blau. Wie Gewitterwolken, aus weiter Ferne manchmal verdammt schnell näher kommen, so schieben auch sie, diese neuen Emotionen, bedrohlich schnell nach. Zweifel, sie kommen auf leisen Sohlen daher, sie rauben mir die Ruhe. Ich möchte sie beiseite schieben. Mich anderem widmen. Es ist so unwichtig, hat so wenig Relevanz und doch gibt es da diesen tobenden Konflikt in meinem Kopf. Was tun?
Würmer ade. Nach einer Stunde reicht es, ich stürme zum Kühlschrank und schnappe das Sackerl, trage es hinunter und hänge es auf Erwins Gartentür. Mit einem Post-it versehen, wartet es nun darauf gefunden zu werden. Eine Nachricht soll noch Klarheit schaffen. Wenn es Geiz war, will ich es wissen. Ich bitte auf dem Zettel um Entschuldigung, die Kirschen gestohlen zu haben. Eine dreiste Methode, der Wahrheit näher zu kommen, da ich selbst noch unsicher bin, ob es mir überhaupt leid tun muss. Aber immerhin war es so. Vielleicht hatte er Recht, man nimmt nicht einfach des Nachbarn Kirschen vom Baum, auch wenn sie einem vor der Nase baumeln. Was bilde ich mir eigentlich ein? Stehe ich über dem Gesetz? Bin ich unhöflich, nicht einmal zu fragen? Ich hasse Unhöflichkeit. War es unrecht?
Nach diesem Aktionismus fühle ich mich besser. Vielleicht weil ich das Diebesgut (?) zurückgegeben habe. Womöglich weil ich in Kürze eine Reaktion erwarte, die Klarheit schafft. Es krummelt ein wenig in der Magengrube. Wird unsere Nachbarschaft einen Schaden davontragen. Wird es nie wieder ein fröhliches Hallo Nachbarin geben.
Zwei Stunden später läutet es an der Tür. Erwin. Er fragt, was das solle, ob ich denn verrückt sei. Er wirkt nett und etwas müde. Er wüsste ja kaum, wohin mit den vielen Kirschen. Ich meine, er hätte bekümmert ausgesehen. Er sagt ja, hätte aber nichts mit uns zu tun. Ich bin erleichtert und bedanke mich.
Tage später erfahre ich von ihm, dass er wenige Wochen davor die Eltern verloren hatte. Ich schäme mich für meine negativen Gedanken.
Bin nun ich die Spießbürgerin?